BOSNIEN - INITIATIVE

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TUZLA- REISE

Montag, 26.10.98 8.30 Uhr. Wir verlassen Frankfurt Richtung Süden. Es ist ein ruhiger, sonniger Tag im Spätherbst. Der erste seit Wochen, und das ideale Reisewetter wird sich bis zu unserer Rückkehr noch mehrfach übertreffen.
Gegen Mittag verlassen wir Deutschland. Ohne Grenzkontrolle. Daß wir uns in einem anderen Staat befinden, bemerkt man kaum. Fast identisch sind die Lebensbedingungen. Das ändert sich erst hinter der Grenze zu Slowenien. Wir verlassen das einheitliche „EU-Land“, müssen uns erstmalig mit dem Reisepaß ausweisen. Wir haben eine gut bewachte Wohlstandsgrenze passiert. In absteigender Linie werden weitere folgen.

Dienstag, 27.10.1998 Die nächste Grenze ist die zu Kroatien. Sie ist erst vor wenigen Jahren infolge des Krieges im ehemaligen Jugoslawien entstanden. Sie macht den Anschein, beide Seiten müßten die Abgrenzung erst noch richtig einstudieren. Karlovac ist die erste Stadt in Kroatien, die wir durchqueren. Auch sie wurde hart umkämpft, ihre Vororte zerstört. Und sie macht deutlich, daß es noch ein anderes, schweres Erbe gibt, das auf den neuen Nationalstaaten lastet. Das sind marode Industriebetriebe, eine veraltete Infrastruktur und verfallende Plattenbausiedlungen. Beides, die Kriegsschäden und die Fehlleistungen der Planwirtschaft sind in Karlovac und auch weiterhin gleich siamesischen Zwillingen verbunden.
Je mehr wir uns Bosnien-Herzegowina nähern, desto karger ist die Landschaft. Der kalkreiche Karst läßt Ackerbau kaum noch zu, ein paar Viehweiden und spärlicher Baumbewuchs säumen die Straße. Die Grenzüber-gangsstelle wird auch von SFOR-Einheiten geschützt. Dahinter liegt das Gebiet um Bihac, eine von allen kriegsführenden Parteien hart umkämpfte, moslemische Enklave. Statt zu erwartender Kriegsschäden pulst in der Zufahrtsstrasse zur Stadt ein geschäftiges Leben. Was für mich neu und überraschend ist, hat Peter fast von Anfang an mit verfolgen können: seit 3 Jahren geleitet er die Hilfstransporte der Bosnieninitiative nach Tuzla.
Hinter Bihac jedoch holt uns die kriegerische Vergangenheit schnell wieder ein. Auf dem Hochplateau reihen sich entlang der Hauptverbindungsstraße nach Sarajevo Häuserruinen in endloser Folge. Zerschossen, ausgebrannt, verlassen. 50 lange, quälende Kilometer. Noch Jahrzehnte wird das Gebiet unbewohnbar bleiben. Dafür sorgen die zahlreichen Minen, Blindgänger...  
An dieses Schlachtfeld grenzt Bosanski Petrovac. Gleich Bihac eine Stadt, die sich rasch von den äußeren Kriegsschäden erholt. Wir besuchen die Familie Tabakovic. Peter ist seit langem mit ihr befreundet. Der Vater, Ismet (60), stammt aus der Gegend um das nordbosnische Derventa. Bevor er von dort vertrieben wurde, besaß er einen großen Hof mit 10 ha fruchtbarem Land. Das rauhere Klima in Petrovac bereitet ihm gesundheitliche Probleme, viel mehr jedoch kann er den Verlust der Heimat nicht verkraften. An eine friedliche Rückkehr glaubt er nicht und für einen Neuanfang fühlt er sich zu alt und zu krank. Er hofft, „daß es wieder einen Krieg gibt, damit die Gerechtigkeit wieder hergestellt wird“. So lange müsse er weiter untätig auf seinem Fensterplatz verharren und trinkt sich vor Kummer die Erinnerung aus dem Leib.

Mittwoch, 28.10 1998 In Petrovac nehmen wir Azra an Bord. Sie hat fast alle Hilfstransporte -nicht nur als schier unersetzliche Dolmetscherin- begleitet. Sie ist eine gute Freundin geworden. Azra (33) lebt in Darmstadt. Schon seit 1990. 1992 hat sie den offiziellen Status eines geduldeten Kriegsflüchtlings erhalten. In die stark umkämpfte Stadt Derventa, konnte sie nun nicht mehr zurückkehren. Dort starb ihr Freund durch die Kugel eines Heckenschützen, aus der Gegend wurden ihre Eltern vertrieben. Sie will überhaupt nicht mehr nach Bosnien zurückkehren. Höchstens ein Leben in der anonymen Großstadt Sarajevo könnte sie sich hier vorstellen. Dort vermutet sie eine größere Toleranz.
Das Leben in Bosnien ist ihr fremd geworden. Früher habe fast keiner von der Nationalität des anderen gewußt. Sie spielte keine Rolle. Alle waren einfach Jugoslawen. Heute ist sie eine Moslemin. Heute wähle man sich seine Freunde nach deren ethnischer Zugehörigkeit aus: Moslems nur Moslems, Kroaten nur Kroaten, Serben nur Serben.
Hinter Petrovac verlassen wir auf unserem Weg nach Tuzla das Gebiet der moslemisch-kroatischen Förderation. Die „Republika Srpska “ macht einen noch ärmeren Eindruck. Da die meisten ihrer Verwaltungsbezirke das Friedensabkommen von Dayton nicht respektieren, erhalten sie keine internationalen Hilfen zum Wiederaufbau. So strahlt das unzerstörte Banja Luka, die Hauptstadt der Republika Srpska, Tristesse aus. Und auch im stark zerstörten Derventa dreht sich kaum ein Baukran, hat man sich auf ein Leben in Ruinen eingerichtet. Diese beklemmende Atmosphäre wird durch die ständige Präsenz von Polizeistreifen und Verkehrskontrollen unterstrichen.
Weiter, in Richtung Tuzla, ebnen sich die stolzen Bergketten zu buckligen Hügeln ein. Die Stadt ist in eine flache Talmulde eingezwängt. In den Zeiten, als die Wirtschaft, der Braunkohleabbau und die Chemieindustrie prosperierten und viele Menschen zuzogen, behalf man sich mit immer höheren Wohnhochhäusern. Dann kam der Krieg. Heute drängen sich auf knappem Grund 150000 Menschen, ein halb mal mehr als zuvor. Jeder 3. Einwohner ist ein Flüchtling. Die Stadt platzt aus allen Nähten und kriecht aus Platznot die Hänge hoch.
Wir übernachten, wie auf den Reisen zuvor, bei Amir und Nadja. Die Familie mit Kindern und Enkelkindern rückte zusammen, um die 1. Etage ihres schmucken Hauses als Pension einzurichten. Obwohl äußerlich unversehrt, hat der Krieg auch bei ihr tiefe Wunden geschlagen: Der einzige Sohn gilt seit 1992 als vermißt. Noch immer glimmt eine schwache Hoffnung, ihn lebend wieder zu sehen. Und immer wieder überwältigt die Eltern tiefste Trauer, wird ein neues Massengrab freigelegt, wird beim Anblick seiner Sachen, bloß einer ihm ähnlichen  Gestik, die Erinnerung an ihren Sohn geweckt, ...

Donnerstag, 29.10.1998 Die erste Adresse für die Koordinierung unserer Aktivitäten in Tuzla ist Monika Kleck. Die 28-jährige Frau ist die Seele des Netzwerkes psycho-sozialer-sozialer Projekte, das der Amica e.V. und seine bosnische Partnerorganisation in Tuzla unterhalten. Es reicht von Frauenförderungs- und Gesundheitskursen, über eine Kindertagesstätte, bis zu verschiedenen Beschäftigungsprojekten. Diese Arbeit erfordert weit mehr, als ein Job sonst abverlangt und ist auch nicht in 8 Stunden getan. Sehr oft zum Leidwesen ihres kroatischen Ehemannes Vito.
Monika leitet eine stattliche Anzahl teilzeitbeschäftigter und ehrenamtlicher MitarbeiterInnen an. „Brennt“ es jedoch irgendwo, muß Monika zur Stelle sein. Monika beherrscht das Serbo-kroatische, als wäre sie hier geboren. Würde sie in einer Vorstandsetage sitzen, könnte man sie als  „Workaholic“ bezeichnen. Aber hier geht es nicht um Geld oder Macht. Es ist die Sache selbst, die einen nicht mehr losläßt. Nachmittags besuchen wir den von der Bosnien-Initiative finanzierten „Club“ im Stadtteil Simin Han. In dem östlichen Stadtteil Tuzlas leben 12000 Menschen, mehr als 90% Bürgerkriegsflüchtlinge. Die Wohnverhältnisse sind katastrophal, die Versorgungssysteme ständig überlastet. Irgendwo zwischen „provisorischem Flüchtlingslager“ und „dauerhaftem sozialen Brennpunkt“ liegt das soziale Profil von Simin Han. Gerade hier fördert die Rödelheimer Bosnien-Initiative eine Begegnungsstätte für Flüchtlingsfrauen mit angeschlossener Kinderbetreuung. Derzeit kommen ca. 85 Frauen mit etwa dreimal so vielen Kindern in den Club. Viele sind Witwen, haben meist mehrere Angehörige verloren und Schreckliches durchlebt. In Tuzla können sie auf Dauer nicht bleiben. Auf ihren jetzigen Unterkünften liegen Rückführungsansprüche. In ihre Heimatorte, zumeist in Ostbosnien, können sie aber auch nicht so ohne weiteres. Da erwarten sie Trümmer oder neue Bewohner. Auf die Durchsetzung ihrer Ansprüche sind die oft schwer traumatisierten Frauen nicht vorbereitet. In mühselig kleinen, manchmal nur winzigen Schritten versuchen die Mitarbeiterinnen des Clubs die Frauen vom Absturz in die Verzweiflung abzuhalten. Die Beschäftigung in einem Koch- oder Nähkurs, Malen oder das bloße Gespräch mit einem einfühlsamen Ansprechpartner können Ängste und Hilflosigkeit abbauen helfen. Kleine Beihilfen und Erwerbsmöglichkeit-en sichern das Essen über den Winter oder bloß für den nächsten Tag.

Freitag, 30.10.1998 Dieser Tag ist der Schule von Simin Han gewidmet. Sie geht seit langem einen für ganz Bosnien zukunftsweisenden Weg. Nicht erst heute, bereits während des Krieges wurden an ihr integrativ Kinder aus allen 3 Bevölkerungsgruppen unterrichtet. Auch der Lehrkörper setzt sich aus moslemischen, kroatischen und serbischen Lehrern zusammen. Zudem kommen zu den 1650 Schülern noch 90 Abendschüler. Diese fast einmalige Form der Erwachsenenbildung dient mit der Alphabetisierung auch der Integration benachteiligter Bevölkerunggruppen wie der Roma.
Ein Problem der Schule ist derzeit die Integration der Rückkehrkinder. Mangelhafte Bosnisch-Kenntnisse machen aus diesen häufig „Ausländer im eigenen Land“. Noch schlimmer ist nach wie vor die mangelhafte Ausstattung der Schule mit Lehrmitteln. Hier konnte die Rödelheimer Bosnien-Initiative in kleinen Schritten weiterhelfen. Bei unserem letzten Besuch übergaben  wir 10000 DM für den Ankauf von naturwissenschaftlichen Übungsgeräten. Dieses Mal haben wir  sechs Schulmikroskope mitgebracht. Ein in Planung befindliches Projekt ist die Einrichtung einer Schulbibliothek. Hier wird gezielt den Ankauf von Büchern gefördert, die dem Friedensgedanken zwischen den Völkern Rechnung tragen. Damit werden auch die Schüler erreicht, die sich die Jahresgebühr von 15,- DM für dieStadtbücherei nicht leisten können.
Während des Gesprächs mit dem Direktor werden uns drei Schüler vorgestellt, die stolz ihre neuen Brillen zeigen. Sie berichten, daß sie jetzt viel besser sehen, und auch besser lernen können.
Und noch eine Idee beginnt während unserer Gespräche mit der Schulleitung Gestalt anzunehmen: Wir wollen die Herausgabe einer Stadtteilzeitung für Simin Han fördern. Durch dieses friedenspolitische Projekt sollen Einheimische, Binnenflüchtlinge und zur Rückkehr gezwungene Auslandsflüchtlinge ein Forum erhalten, um ihre Probleme darzustellen und füreinander Verständnis zu entwickeln. Das Blatt wird in 14-tägigem Abstand über die Ereignisse an der Schule und im Stadtteil berichten. In der Zeitung werden regelmäßig Beiträge aus Frankfurt veröffentlicht.
Für die redaktionelle Arbeit haben wir Blazenka gewonnen. Sie wird die Verbindung zwischen der Schule und uns halten. Blazenka (28)  lebte von August 1994 bis Ende letzten Jahres als Bürgerkriegsflüchtling in Lüdenscheid. Mit Ablauf der Duldung mußte sie Deutschland verlassen. Es gab keinerlei Eingliederungsbeihilfen. Blazenka geht es relativ gut. Immerhin hat sie im Haus ihrer Eltern ein eigenes Zimmer. Allerdings hat sie kaum eine Chance, in ihrem Beruf als Krankenschwester eine Arbeit zu finden. Und wenn, reicht das Gehalt von 200,- DM kaum zum Leben. Eine Arbeitslosenunterstützung gibt es in Bosnien nicht. Wir lernten Blazenka als Kinderkrankenschwester während der Ferienfreizeit kennen und schätzen.
Am Abend besuchen wir die Altstadt von Tuzla. Der Verkehr ist atemberaubend. Vor 3 Jahren, sagt Peter, fuhren auf den Straßen nur Fahrzeuge der internationalen Hilfsorganisationen. Heute flanieren in der Fußgängerzone Menschen wie in jeder anderen südländischen Stadt. An dem Platz, wo erst vor 3 Jahren eine Granate 74 Jugendliche tötete, läßt sich das Ausmaß der damaligen Zerstörungen kaum noch ahnen. Doch die Fassade ist dünn. Wer von den Bosniern kann sich z.B. schon all die verlockenden Waren in den üppigen Schaufensterauslagen leisten?
Das Abendessen nehmen wir dann in einer Gaststätte der besonderen Art ein: Sie grenzt an das hiesige Gefängnis. Köche und Kellner sind Strafgefangene, unauffällig von Vollzugsbeamten überwacht. Dieses Resozialisierungsprojekt könnte auch für uns beispielhaft sein.

Samstag, 31.10.1998 Heute besuchen wir Kinder, die im Sommer an der Ferienfreizeit am Meer teilnahmen. Auch an diesem Projekt ist die Rödelheimer Bosnien-Initiative beteiligt. Ermöglicht wurde es durch großzügige Spenden und Ferienpatenschaften. Im Namen einiger Ferienpaten richten wir den Kindern Grüße aus, erkundigen uns nach dem Befinden und lassen kleine Geschenke da.
Unser Vorhaben ist schwieriger als gedacht. Die Familien der Kinder wohnen weit zerstreut im hügeligen, noch zum Teil verminten Umland von Tuzla. Meist wurden den Binnenflüchtlingen verlassene Häuser zugewiesen, manchmal kamen sie bei Verwandten unter.
Die Zufahrtsstraßen verengen sich häufig zu Schotterwegen, haben keinen Namen. Die Hausnummern scheinen nach dem Lotterieprinzip verteilt. Das Sicherste ist, Familienname und Herkunftsort zu nennen, und darauf zu vertrauen, daß man sich untereinander kennt.
Unser erster Besuch war vergeblich. Der 13-jährige Naser ist nicht zu Hause. Er ist Vollwaise. Naser lebt mit seinem älteren Bruder und der Großmutter bei seiner Tante und deren 3 Kindern. Wir hinterlassen die mitgebrachten Geschenke  und knipsen ein Foto für die Spenderfamilie in Deutschland.
Die 13-jährige Adela hingegen ist in einer offenkundig schlechteren Lage. Dabei hat sie rein zufällig gerade heute Geburtstag. Ein an sich freudiges Ereignis! Meist je- doch sitzt Adela regungslos, aber mit weiten, wachen Augen in dem spärlich eingerichteten Raum. Die „Kate“ der Familie liegt am äußersten Siedlungsrand versteckt im Wald. Dort wohnt, ißt, schläft sie mit ihren Eltern und 2 jüngeren Geschwistern in 3 winzigen Kammern. Die Mutter ist schwer kriegsversehrt. Beim Einkauf riß ihr eine Granate den linken Unterschenkel ab. Sie hatte dabei Glück im Unglück. Mehrere Menschen kamen bei diesem barbarischen Anschlag zu Tode. All das mußte Adela hilflos mit eigenen Augen anschauen. Ihr Vater läßt sich erst gar nicht blicken. Angeblich liegt er krank im Nachbarzimmer. Angeblich! Sicherlich zählte die Familie auch schon vor dem Krieg zur „Dorfarmut“. Aber erst der Krieg hat diese Notlage fast unverrückbar festgeschrieben.
Adela ist aufgrund einer angeborenen Fehlbildung der Zunge sprachbehindert. Die Mutter wirkt hilflos, sie hat schon mit ihrer eigenen Behinderung genug zu tun. Jetzt hat sie auch noch das Mädchen von der Schule genommen, damit ihr die Tochter zu Hause zur Hand gehen kann. Welche Zukunft sie damit Adela verstellt hat, scheint ihr nicht klar zu sein.
Nachdenklich verlassen wir die Familie. Kann über Amica eine ärztliche Untersuchung des Mädchens veranlaßt werden? Kann durch die Schule in Simin Han die Fortsetzung des Schulbesuchs erzwungen werden? Wir jedenfalls geben unsere Erkenntnisse weiter und hoffen das Beste.
Auch die 12-jährige Mirela lebt mit ihrer Mutter und 2 Geschwistern in sehr beengten Verhältnissen. Dennoch macht die Wohnung einen gemütlichen Eindruck. Der Familie stehen anderthalb Zimmer zu. Mit 5 anderen, kinderreichen Familien muß sie sich ein Haus teilen, in dem früher eine Familie lebte.
Und auch hier ist der Krieg noch allgegenwärtig: Erst kürzlich war die 44-jährige Mutter im jetzt serbischen Zvornik. Es wurden Massengräber geöffnet, aber noch immer nicht konnte die Frau ihren vermißten Mann identifizieren. Wir sahen Fotos ihres zerstörten Hauses.

Sonntag, 1.11.1998 Dieser Tag ist frei. Keine Termine! Das „goldene“ Herbstwetter läßt Urlaubslaune aufkommen. Und selten schöner färbte sich das Blattwerk als heute in den sonnendurchfluteten, großflächig urwüchsigen Laubwäldern Bosniens. Sie wären die ideale Voraussetzung für einen naturnahen Tourismus. Leider kann man sie nur von weitem bestaunen. Der Waldboden ist vermint. Eine höllische Waffe, die kein Friedensabkommen entschärfen kann. Beim jetzigen Tempo der Räumung wird es noch Jahrzehnte dauern, bis man wieder gefahrlos Pilze sammeln kann.
Peter freut sich, seinen langjährigen Freund Zijad (48) wiederzusehen. Der Grundschullehrer mußte im Sommer mit seinem 13-jährigen Sohn von Idstein (Deut-schland) nach Bosnien zurückkehren. Beim Anblick des normal entwickelten Jungen wird mir schlagartig bewußt, daß der Krieg die Kinder, die wir gestern besucht haben, um mehrere Jahre in der Entwicklung zurückgewor-fen hat. Zijad hat vor, in sein zerstörtes Heimatdorf Jezero zurückzukehren. EU-Gelder sollen den Wiederaufbau der Häuser finanzieren helfen. Den Wiederaufbau der nachbarschaftlichen Beziehungen müssen die Menschen, die der Krieg vorübergehend zu Feinden machte, selber schaffen.

Montag, 2.11.1998 Unser Abschlußbesuch gilt dem Ortsvorsteher von Simin Han. Muhamed Valjevac (60) übt sein Amt seit 1992 ehrenamtlich aus. Unter bescheidenen Bedingungen. Das Büro hat keine Heizung und das Haus selbst ist abbruchreif. Die wenigen Büromöbel, Computer und Faxgerät sind Rödelheimer Spenden. Dennoch und auch trotz persönlicher Schicksalsschläge ist der Elan von Herrn Valjevac ungebrochen. Etliches habe sich schon in den vergangenen Jahren getan. Straßen wurden asphaltiert. Die Versorgung mit Strom und Wasser hat sich stabilisiert. Pläne für Gewerbeansiedlungen wurden erstellt. Überlebenswichtig für ein Gebiet mit annähernd 90%-iger Massenarbeitslosigkeit. Allerdings türmen sich die Probleme, anstatt abzunehmen. Wohin nur mit den Flüchtlingsfamilien, wenn jetzt die ehemaligen Besitzer gemäß dem Daytoner Abkommen zurückkehren? Oder sei es nur das relativ „harmlose“ Problem, daß die gespendete Zahnarztpraxis nicht in Betrieb genommen werden kann, weil kein Zahnarzt in Simin Han arbeiten will.
Es ist dem bescheidenen Mann ein grundlegendes Bedürfnis, sich bei allen Freunden Simin Han`s in Deutschland und Europa zu bedanken:„Ohne die vielfältigen internationalen Hilfen“, sagt er nach längerem Nachdenken, „gäbe es hier wohl keine Zukunft mehr.

PS: Die Tage in Bosnien hinterlassen tiefe Spuren. In uns, denn wir erlebten Menschen in einer existenziellen Situation. Nichts hat der Krieg so belassen, wie es vorher war. Doch ist die Reaktion darauf so verschieden wie die Menschen selbst. Sie reicht von der entschlossenen Tat, über das zögernde Abwarten bis zur lähmenden Verzweiflung. Das wühlt auf, fordert die persönliche Stellungnahme heraus und verändert einen selbst.
Spuren bleiben aber auch bei den Menschen, die wir besuchten. Wir konnten ihnen oft ein kleines Stück weiterhelfen. Manche könnten sagen, mehr als der berühmte "Tropfen auf den heißen Stein" sei es ja doch nicht. Sicherlich! Aber ohne viele kleine Tropfen gibt es keine großen Veränderungen.

 

 

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