Bosnien – Ein Land auf dem schwierigen Weg in die Normalität

Tuzla/Simin-Han

Land &
Personen

Snagovo

Seit fast 10 Jahren ruhen in Bosnien - Herzegowina die Waffen. Mit dem Abkommen von Dayton im Dezember 1995 ging der blutigste Konflikt in Europa seit dem 2.Weltkrieg zu Ende. Seit 10 Jahren auch hilft die Bosnien-Initiative Frankfurt-Rödelheim die Kriegsfolgen zu überwinden. Es entstand eine Stadtteilpartnerschaft mit dem bosnischen Tuzla/Simin-Han (nähere Informationen unter http://www.friedensini-roedelheim.de/html/bosnien-projekt.html).

Auch in diesem Frühjahr reisten wieder 3 Mitglieder der Bosnien-Iinitiative nach Tuzla: Für Peter Gärtner war es die 19. Fahrt nach Bosnien. Auch Wilfried Waurich fuhr nicht zum ersten Mal mit. Für den in Deutschland lebenden Medizinstudenten aus Afghanistan, Nadjab Moini, hingegen war diese Erfahrung etwas ganz Neues. Ihm stellte sich mit Blick auf sein eigenes Land die Frage, ob und wie nach langen Jahren des Krieges der Frieden wieder hergestellt werden kann.

Die Einreise nach Bosnien war diesmal - im Gegensatz zu früheren Reisen - problemlos. Über gut ausgebaute Straßen führte der Weg zügig ins Landesinnere. Auf dem Gelände von „Arizona“, dem ehemals größten Schwarzmarkt des Balkans, befindet sich jetzt das nunmehr wahrscheinlich größte Shopping-Center des Balkans. Auch sonst herrscht rechts und links der Straße eine rege Bautätigkeit. Neben mehr oder minder luxuriösen Behausungen entstehen zahlreiche Hotels und Gaststätten, aber auch moderne Industrie- und Gewerbebauten. Die gelegentliche Warnung vor noch nicht geräumten Minenfeldern beeinträchtigt allerdings das geschäftige Bild. Diese ersten Eindrücke werden in Tuzla verfestigt. Bei der Einfahrt nach Tuzla passiert man zunächst die nicht wiederaufgebauten Ruinen eines ehemaligen Chemiekombinates. Im Stadtzentrum aber erleben Handel und Dienstleistungen eine regelrechte Gründerzeit. Sogar die ersten vollverspiegelten Bürogebäude recken sich schon nach oben. Überall sind Cafes, Bars, Restaurants entstanden. Die Straßencafes sind auch tagsüber gut besucht, aber von Arbeitslosen, für die dies häufig die einzigste Beschäftigung ist. Abends in den Restaurants sind wir wiederum meistens die einzigen Gäste.

Das trifft auch – in abgeschwächter Form - für Simin-Han zu, unserem Partnerstadtteil, der vor wenigen Jahren noch zu 90% von Kriegsflüchtlingen bewohnt wurde. Weithin sichtbarer Ausdruck des Booms ist ein neues Bürogebäude, in dem unter anderem eine deutsch-bosnische Versicherung residiert. 50 Arbeitsplätze wurden geschaffen. Immerhin. Daneben gibt es aber noch kriegszerstörte Gebäude und neue Bauruinen. Unser Club, für Flüchtlingsfrauen gegründet, wandelt sich mehr und mehr zu einem Frauenbegegnungszentrum. Die Flüchtlinge wurden in ihre Heimatorte - teils unter Zwangsandrohungen - rückgeführt. Die Schule, die wir seit langem mit Lehrmitteln unterstützen, gilt als Vorzeigeprojekt für vorbildliche Unterrichtsgestaltung in Bosnien. Auch die Bürgerstiftung in Simin-Han verdeutlicht Ansätze für einen sich herausbildenden bürgerlichen Gemeinsinn.

Kommt also wieder alles von selbst in Ordnung? NEIN! Nur auf den ersten Blick und auch nur wenige Regionen betreffend könnte man meinen, Bosnien sei ein  normales Transformationsland wie viele andere in Osteuropa. Sicherlich verläuft auch anderswo die Entwicklung sozial ungerecht, schafft Ungleichheiten, die zu neuen Spannungen führen. Der nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaft entstandene Arbeitskräfteüberschuss führt hier wie auch anderswo zu einer überwiegend erwerbslosen Gesellschaft, in der soziale Sicherungssysteme weitgehend unbekannt sind. Die Schicht, die am wirtschaftlichen Aufschwung teilnimmt, ist schmal. Die Arbeitslosenquote beträgt schätzungsweise 50 %. Nach 10 Jahren ohne Krieg haben viele Menschen immer noch keine materielle Perspektive, und viele träumen davon auszuwandern in ein Land, das bessere Chancen bietet als Bosnien.

Was andere Staaten (glücklicherweise) nicht haben, sind Hunderttausende zusätzlich entwurzelte Rückkehrer und Binnenflüchtlinge. Es sind auch durch den Krieg seelisch geschädigte Menschen, die in den neuen Verhältnissen gleich mehrfach orientierungslos sind. Frauen, Kinder, aber auch Männer sind da gleichermaßen betroffen. Wenn in Tuzla äußerlich weitgehend der Alltag wieder eingekehrt ist, hängt es auch damit zusammen, dass die am meisten betroffenen Opfer des Bürgerkrieges, die einst nach Tuzla geflüchtet waren, wieder in ihre verwüsteten Heimatorte zurückgeführt wurden. Die Aufbauhilfen, die dorthin durchsickern, hinterlassen kaum längerfristige Spuren. Das wurde uns bei einem Besuch in Snagovo in der serbischen Republik erschreckend deutlich. Nach der Fahrt über eine Schotterpiste erreichten wir das provisorische “Gemeindezentrum” von Snagovo, wo uns 50 Frauen entgegen blickten. Der Berg von Problemen war in ihren Gesichtern eingeschrieben: die Kinder müssen 2 Stunden zur Schulbus-Haltestelle laufen, es gibt keine Kanalisation, nur wenige Häuser sind an die Stromversorgung angeschlossen, es gibt keinerlei Erwerbsmöglichkeiten. Spätestens hier zeigte sich, wie lang der Weg zu einem gesicherten Frieden noch ist.
Einen Funken Hoffnung wenigstens konnten wir hinterlassen: Wir sagten zu, einen zinslosen Kleinkredit für die neu gegründete landwirtschaftliche Vertriebsgenossenschaft bereitzustellen.

Der Club

Die Schule

Die Reise nach Bosnien im Oktober 1998

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