Widerstand - ein Leben lang

Der Antifaschist Peter Gingold lebt nicht mehr. Nach langer schwerer Krankheit starb Peter Gingold, antifaschistischer  Widerstandskämpfer, Kommunist aus jüdischem Elternhaus und Internationalist, am 28. Oktober in Frankfurt/M. im Alter von 90 Jahren.
Antifaschisten und Anhänger der politischen Linken verschiedener Generationen haben Peter Gingold in den vergangenen Jahrzehnten auf Veranstaltungen, in gemeinsamen Aktionen auf der Strasse und in Debatten über die Konsequenzen aus der faschistischen Vergangenheit und für eine sozialistische Alternative erlebt. Er war als Person nicht nur Teil der politischen Bewegung, er stand mit seiner Biographie auch symbolisch für politische Entwicklungen und den Umgang mit der Erinnerung und Würdigung des antifaschistischen Widerstandes in unserem Land.
Peter Gingold war ein vielgefragter Redner, Gesprächspartner und Zeitzeuge, der politisch reflektiert, engagiert und persönlich authentisch historische Zusammenhänge vermitteln konnte. Er wurde eingeladen von Schulen und Universitäten, von Jugendverbänden, Gewerkschaften oder der autonomen Antifa, von der Gesellschaft für christlich-jüdische  Zusammenarbeit oder seiner Partei, der DKP, und natürlich von der VVN-BdA, für die er in den letzten Jahren als Bundessprecher politisch aktiv war. Nicht zu vergessen sind seine Aktivitäten im Auschwitz-Komitee der BRD, gegen die Profiteure der Kriegsverbrechen, zum Beispiel der IG-Farben in Abwicklung, oder für den Verband Deutscher in der Resistance, in den Streitkräften der  Antihitlerkoalition und der Bewegung “Freies Deutschland” e.V. (DRAFD).
In seinem Schlußwort auf der Geburtstagsfeier formulierte er noch einmal das Motto seines politischen Handelns: “Nie resignieren, und wenn welche resignieren, dann macht ihnen Mut!” Peter Gingold hat auf seine Weise Mitstreitern und Nachgeborenen in vielen Aktionen und Situationen Mut gemacht. Nun liegt es in der Verantwortung der  Nachgeborenen im Sinne von Peter Gingold diesen Mut in Handeln für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Kriege einzubringen.
Die Trauerfeier zu Ehren von Peter Gingold findet im November in Frankfurt/M. statt. Die Beisetzung wird in Paris, im Familiengrab bei seiner Frau Ettie erfolgen.
Vor kurzem erschien die Dokumentation zum 90. Geburtstag von Peter Gingold: Ulrich Schneider/Horst Gobrecht: “Resistance = Widerstand ein Leben lang!” Hrsg. Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora Freundeskreis e.V., 60 Seiten, Ladenpreis 5 Euro plus Porto, zu bestellen bei: VVN-BdA Hessen, Eckenheimer Landstr.93, 60318 Frankfurt/M
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Am 16. Februar 2005 lud die Friedensinitiative zum Thema „Widerstand und Zivilcourage im 3. Reich“ ein. Prominenter Gast war Peter Gingold. Wir berichteten damals dazu im “Cyriakusbrief”: 

Peter Gingold ist nicht nur einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen der NS-Diktatur, sondern nahm als Deutscher jüdischer Herkunft aktiv am Widerstand gegen das verbrecherische Regime teil.

Peter Gingold wurde am 6. März 1916 in Aschaffenburg geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre  trat er 1931 in den Kommunistischen Jugendverband Deutschland (KJVD) ein. Nach der Machtergreifung Hitlers emigrierten die Eltern und Geschwister von Peter nach Frankreich. Gingold selbst wurde im Juni bei einer Razzia verhaftet. Nach mehreren Monaten Gefängnis gelang ihm die Flucht. Auf abenteuerliche Weise emigrierte er im Herbst 1933 nach Frankreich, arbeitete bei der deutschsprachigen antifaschistischen Tageszeitung "Pariser Tageblatt" und war in einer kleinen Gruppe des KJVD in Paris politisch tätig. 1936 gründete er in Paris mit anderen jungen deutschen AntifaschistInnen die "Freie Deutsche Jugend" (FDJ) und lernte dort auch Ettie Stein-Haller, seine spätere Frau, kennen. 1937 trat Gingold in die  Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Nach der Okkupation Frankreich`s durch die Wehrmacht war er aktiv im deutschen antifaschistischen Widerstand. Im April 1941 ging Gingold nach Dijon und wurde in der Travail Allemand (TA), einer Gruppe in der Resistance, tätig. Seine Aufgabe war unter anderem, den Kontakt zu den Soldaten der deutschen Wehrmacht herzustellen, um Hitler-Gegner herauszufinden und für die Zusammenarbeit mit der Résistance zu gewinnen. Im Juli 1942 wurden zwei Geschwister von Peter in Paris verhaftet und in das KZ Auschwitz deportiert. Im Februar1943 kam Gingold selbst in die Fänge der Gestapo. Er wurde verhaftet, mehrere Wochen lang verhört und gefoltert. Nach Paris überführt gelang ihm dort im April unter abenteuerlichen Umständendie Flucht, aber schon nach ein paar Wochen ist er wieder in der Resistance tätig. ..

Das alles und noch viele andere Episoden aus seinem erfüllten Leben breitet der 89-jährige in einem wahrhaft atemberaubenden Tempo vor seinen gespannt lauschenden Zuhörern, unter ihnen erfreulich viele Jugendliche, aus. In seiner Stimme ist auch nach 2 Stunden noch kein Anzeichen von Ermüdung zu erkennen. Bereitwillig geht er auf alle Anfragen ein, selbst wenn sie auch einmal zu Hartz IV abschweifen. Nie stellt er das Außergewöhnliche seiner Lebensleistung heraus. Im Gegenteil! Nur aufgrund seiner Herkunft und Erziehung habe er diesen Weg eingeschlagen, sagt Gingold bescheiden. Deshalb verurteile er auch nicht die, die sich damals als „ahnungslose“ Mitläufer ausgaben. Nur wer heute noch, 60 Jahre später, das Verbrecherische des Faschismus nicht erkenne, macht sich schuldig. Diese deutliche Mahnung verfehlt auf keinen der Anwesenden ihre Wirkung – versuchten doch erst drei Tage vorher Neonazis in Dresden die Geschichte auf ihre Art umzudeuten. Um so wichtiger, das es noch Menschen gibt, die es aus eigener Erfahrung besser wissen.

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